Walter Hasenclever - Eine Biographie der deutschen Moderne (Max Niemeyer 1994)
Auszüge aus der Einführung (S. 14-26):
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Am 21. August 1940 meldete das Deutsche Nachrichtenbüro, daß sich der seit 1938 ausgebürgerte Dramatiker Walter Hasenclever in dem französisch-spanischen Grenzort Port Bou erhängt habe.1 Während der folgenden Tage wurde diese Information von zahlreichen reichsdeutschen Zeitungen mit offensichtlicher Genugtuung kommentiert, da sich durch derartige Ereignisse der Erfolg des nationalsozialistischen 'Kulturkampfes' zu bestätigen schien.
»Der Name Hasenclever« wecke »Erinnerungen an die schlimmsten Zeiten des literarischen Nachkriegsexpressionismus«, hieß es in einer jener Meldungen, in der besonders hervorgehoben wurde, daß »vor allem Hasenclever seinen Teil zu einer völligen Überfremdung des deutschen Theaters beigetragen« habe. Dieser Vorwurf schließt sich nahtlos den öffentlichen Kontroversen an, die das Werk des Dichters bereits seit dem Erscheinen seines revolutionären Dramas Der Sohn im Jahre 1914 begleiteten und 1931 einen Höhepunkt in einem Prozeß wegen angeblicher Gotteslästerung fanden.
In Zeiten hineingeboren, in denen sich Aufstieg und Fall der deutschen Nation in rascher Folge abwechselten, erreichte der Autor mit dem Sohn schon früh einen Grad der Popularität, der ihm besonders bei der Jugend den Vergleich mit dem jungen Schiller eintrug. Wie kaum ein anderes Theaterstück seiner Epoche drückt dieses Drama die idealistische Aufbruchsstimmung einer Generation aus, die ihre geistigen Voraussetzungen in den Schriften Friedrich Nietzsches gefunden hatte und nach radikalen gesellschaftlichen Veränderungen verlangte. In konservativen Kreisen rief diese Dichtung jedoch nachhaltige Ressentiments hervor, die während der folgenden Jahre ständig neue Nahrung in den gesellschaftskritischen Äußerungen des Autors fanden. So markiert Der Sohn den frühen Erfolg einer kontinuierlich von Anfeindungen begleiteten Karriere, während der Hasenclever einen oft widersprüchlich anmutenden Bogen schlug. Dieser reicht von der expressiven Lyrik über das pazifistische Drama, von der die moderne Gesellschaft persiflierenden Komödie bis hin zur autobiographischen Prosa. Hinzu kommen eine jahrzehntelange journalistische Tätigkeit, diverse Arbeiten für den Film sowie eine-Nachdichtung der wichtigsten philosophischen Gedanken des schwedischen Mystikers und Theosophen Emanuel Swedenborg.
Gegen Ende der 20er Jahre erreichte Walter Hasenclever mit seinen Komödien den Höhepunkt seiner Popularität, als er zu einem der meistgespielten Dramatiker des deutschen Sprachraumes avancierte. Den Beginn dieses Erfolges leitete die Satire auf klassisch bürgerliche Leitbilder Ein besserer Herr (1926) ein, die allein in der Spielzeit 1927/28 von beinahe 100 Theatern gleichzeitig aufgeführt und 1928 verfilmt wurde. Die Religionssatire Ehen werden im Himmel geschlossen (1928) sowie die Persiflage Napoleon greift ein (1929) konnten diesen Erfolg weiterführen und wiesen ihren Autor überdies als entschiedenen Gegner faschistoiden Gedankengutes aus. 1933 zählte er gerade wegen seines in liberalen Kreisen begründeten Prestiges, das ihn zu einem der kulturellen Exponenten der Weimarer Republik werden ließ, zu den ersten Literaten, deren Werke in Deutschland verboten wurden. Sein Schicksal ist deshalb exemplarisch für das vieler vom Expressionismus geprägter Schriftsteller, deren künstlerischer Antrieb von einem starken Bewußtsein der Gemeinsamkeit und dem Willen zu revolutionierender Wirkung getragen wurde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gehörte das Gros dieser Autoren zu den im nationalsozialistischen Deutschland Geächteten, deren Verdrängung aus dem kulturellen Leben die NS-Kulturpolitik erfolgreich betrieb.
Aufgrund ihrer politischen Ansichten auch in ihrer physischen Existenz gefährdet, blieb vielen nur noch die Flucht in die Emigration. Der Kriegsausbruch und die schnellen militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht entlarvten aber die im europäischen Ausland scheinbar gefundene Sicherheit als trügerisch, so daß sich 1940 die Nachrichten über Selbstmorde in Emigrantenkreisen häuften.
Als mit Walter Hasenclever schließlich einer der Exponenten des kulturellen Lebens der untergegangenen Weimarer Republik aus dem Leben schied, konnte die reichsdeutsche Presse das vermeintliche Fazit ziehen, daß gerade dieser Autor mit »seinem Tod [ ... ] nun selbst symbolisch einen Schlußstrich unter eine unwiderruflich vergangene Zeit gezogen« habe.
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Walter Hasenclever zählt heute zu den von der Öffentlichkeit weitgehend vergessenen Dichtern. Systematisch aus dem Gedächtnis des Publikums gedrängt, fanden nach dem Ende der NS-Herrschaft nur noch sporadisch einige wenige seiner Dramen den Weg auf die Bühne, blieben zahlreiche Werke - darunter seine beiden Romane - Jahrzehnte unveröffentlicht und erzielten bei ihrer Publikation lange nach 1945 keine dauerhafte Resonanz. So war es vor allem dem Engagement ehemaliger Weggefährten vorbehalten, mittels vereinzelter Publikationen und dem Lancieren von Aufführungen die Erinnerung an den Autor wachzuhalten.
Dies gilt besonders für seine langjährigen Freunde Heinz Hilpert und Robert Klein, die im September 1957 in Göttingen die deutsche Erstaufführung des Dramas Konflikt in Assyrien (1938) realisierten. Für die literarische Forschung erhielt diese Inszenierung durch das besonders aufwendig gestaltete Programmheft eine herausragende Bedeutung. Zahlreiche Zeitzeugen - wie z.B. Lion Feuchtwanger, Alfred Kantorowicz, Kurt Pinthus und Otto Zoff - stellten hierfür Beiträge zur Erhellung der Biographie Hasenclevers zur Verfügung. Noch wichtiger war jedoch, daß diesen Erinnerungen eine bis dahin in ihrer Komplexität unübertroffene Bibliographie seiner Werke angefügt wurde. Im direkten Zusammenhang mit der Premiere von Konflikt in Assyrien erschien überdies in der FAZ Hermann Kestens umfangreicher Aufsatz Seit damals kannte ich Hasenclever, der seine Funktion als interessante biographische Quelle bis heute nicht eingebüßt hat. Kestens einseitige Charakterisierung, der Freund sei »ein utopischer Sozialist, ein utopischer Pazifist, ein utopischer Menschheitsfreund und ein utopischer Spiritist« gewesen (»er ging von einem Irrtum und Aberglauben zum andern, von einer literarischen Mode zur andern«), stützte jedoch schon zu Hasenclevers Lebzeiten entstandene Fehleinschätzungen, die bis heute den Ruf des Dichters mitbestimmen . Gegen diese oberflächliche Bewertung meldete 1961 ein anderer Zeitzeuge Vorbehalte an. In einem erheblich differenzierteren Zeitungsartikel weist der ehemalige Mitbegründer der Dresdner Zeitschrift Menschen, Rudolf Adrian Dietrich, Kestens Einschätzung energisch zurück. Dabei hebt er besonders Hasenclevers unbestechliche »Treue« zur humanistischen »Gesinnung« hervor. Diese liege den Jugenddichtungen des Freundes ebenso zugrunde wie seiner späteren »Beschäftigung mit einem irren nordischen Propheten [gemeint ist Emanuel Swedenborg]« und habe auch nicht »in der Zeit, in der er [ ... ] seine [ ... ] Komödien schrieb« nachgelassen. Zu Kestens kritischem Verweis auf Hasenclevers häufigen Wechsel der Genres schreibt er: »Wenn man bei anderen Dichtern - etwa bei Strindberg - Wandlungen und Widersprüche als Teile innerhalb des Ganzen sieht, so scheint es mir wenig tolerant, dies bei Hasenclever so zu simplifizieren, wie es Hermann Kesten [ ... ] getan hat. [ ... ] « (...)
In seiner letzten literarischen Arbeit, dem Roman Die Rechtlosen versuchte er [Hasenclever] im Winter 1939/40, sein pessimistisches Weltbild (...) zu begründen, [dessen] Richtigkeit er auch durch die buddhistische Ankündigung eines neuen Erdzeitalters bestätigt sah. Die im Roman artikulierte resignative Erkenntnis, daß jene kommende Epoche der Gewaltherrschaft einem - den humanistischen Traditionen verpflichteten - Individualisten wie ihm keinen Platz mehr biete, 4S ist Folge einer zunehmend als ausweglos empfundenen Lebenssituation, in der ihm Schopenhauers Lebensdevise des demütigen Ertragens immer schwerer realisierbar erschien.
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Wer aber war jener Walter Hasenclever, der schließlich am 21. Juni 1940 - wenige Tage nach dem Fall von Paris - in einem südfranzösischen Internierungslager den Tod durch die Überdosis eines Schlafmittels suchte?
Verfolgt man seine unzähligen - nicht erst für die Jahre der Emigration typischen - Reisen und Wohnortwechsel, ist man versucht, ihn mit Ahasver zu vergleichen, und es drängt sich die Vermutung auf, daß er - ruhelos und entwurzelt - in der Dichtkunst die Möglichkeit suchte, eine bleibende Ich-Identität zu finden. Diese Heimatlosigkeit dominierte auch seine Beziehungen zu Frauen, die meist von persönlichen Katastrophen bestimmt waren. So wurde ihm das seit der Kindheit vertraute Gefühl fehlender innerer Stabilität zur prägenden Lebenserfahrung, das er ebensowenig durch wechselhafte soziale Bindungen, durch seine Beschäftigung mit Philosophie und Politik oder durch das vor allem in der Jugend stark ausgeprägte Verlangen nach materiellen Werten ausgleichen konnte. Die in seinen Dichtungen mehrmals gebrauchte Metapher des 'fahrenden Zuges' erhält deswegen eine besondere Bedeutung, da sie auch Ausdruck einer von innerer Unruhe bestimmten Lebensweise ist, die Hasenclevers Vitalität
zunehmend erschöpfte.
In den folgenden Kapiteln soll der Versuch unternommen werden, die wichtigsten Stationen von Walter Hasenclevers Lebensweg aufzuzeigen. Dabei gilt es, die von wohlmeinenden Freunden verbreiteten Legenden sowie die Klischees der Literaturgeschichten durch den Rückgriff auf die Quellen zu ersetzen. Über die bisher bekannten, aber nur zu einem Bruchteil ausgewerteten Materialien hinaus, die der Nachlaß im Besitz seiner Witwe und im Deutschen Literaturarchiv Marbach bereitstellt, wird zu diesem Zweck vor allem die äußerst ergiebige und umfangreiche Korrespondenz des Dichters herangezogen. Aus diesen in zahlreichen Bibliotheken, Archiven und Privatsammlungen zusammengetragenen Korrespondenzen lassen sich Entstehung, Intentionen und Wirkungen der Lyriksammlungen, der Dramen und der Prosaarbeiten bedeutend präziser als bisher realisiert rekonstruieren. Gleichzeitig werden aber auch die Lebensumstände, unter denen diese Arbeiten entstanden, nachvollziehbar und die für Hasenclever charakteristischen Entwicklungsschritte und kontinuierlich durchlaufenen Einstellungen deutlich, die typisch für den Lebenslauf eines Autoren der Modeme sind.
Da in allen bisherigen literaturwissenschaftlichen Arbeiten nur ungenügend auf die philosophischen Voraussetzungen des Autors eingegangen wurde, erscheint eine schwerpunktmäßige Analyse einzelner Werke sinnvoll. So soll vor allem die Akzentuierung der Auseinandersetzung zwischen Lebensannahme und Lebensverweigerung evidente Einblicke in die weltanschaulichen Ansichten Hasenclevers ermöglichen. Polarisiert in den gegensätzlichen philosophischen Axiomen Nietzsches und Schopenhauers dokumentiert dieser - für den Dichter essentielle - Konflikt eine soziale Genese, in deren Verlauf der Autor zunehmend das seit seiner Jugend formulierte, auf gesellschaftliche Veränderungen orientierte Dichterideal relativierte und schließlich zugunsten einer hauptsächlich auf die Vollendung eigener Individualität abzielenden Intention verwarf. Hierbei erscheint es sinnvoll, die Abläufe der Zeitgeschichte in die Darstellung miteinzubeziehen, da dies eine kritische Perspektive auf die Verhaltensweisen des Autors ebenso ermöglicht wie den Vergleich von hehren Ansprüchen und tatsächlichem Verhalten. Die dadurch vermittelte präzise Kenntnis der Lebens- und Schaffensumstände wird - als Ergebnis einer genauen Recherche - gängige Urteile und Mystifikationen korrigieren.
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1 Deutsches Nachrichtenbüro (DNB): Meldung des Todes von Walter Hasenclever. 21.8.1940, Nr. 234. - In: Akte Ausbürgerungsvorgang Walter Hasenclever. Diverse Dokumente aus dem Zeitraum März 1938 - Mai 1940. Standort: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn. Akt. II A/B, 1 58/2-56. Diese Meldung entspricht jedoch nicht völlig der Realität, da Hasenclever nicht in Port Bou - wo Walter Benjamin am 27.9.1940 den Freitod wählte-, sondern im Internierungslager von Les Milles Suizid durch die Überdosis eines Schlafmittels beging.
2 Unbekannt: Selbstmord des Emigranten Hasenclever . - Meldung in einer reichsdeutschen Tageszeitung, o. A., August 1940. Standort: Zeitungsausschnittsammlung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund. Mappe 'Walter Hasenclever '.
3 Ebd.
4 Deutsches Theater in Göttingen (Hrsg.): Blätter des Deutschen Theaters. H. 115, 1957/58.
5 Kesten, Hermann: Seit damals kannte ich Hasenclever. - In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 216, 18.9.1957.
6 Ebd.
7 Dietrich, Rudolf Adrian: 'Das Feld der Ehre hat mich ausgespien' , Erinnerung an Walter Hasenclever. - In: Die andere Zeitung. Kultur in unserer Zeit. 2. Märzausgabe 1961.
43 Ebd., m. Tafel »Gleichzeitiger« politischer Epochen. Nicht paginiert; vor Kapitel 1.
44 W.H.: Die Rechtlosen. - In: GDP. S. 393-499.
45 Vgl. ebd., S. 408. »Der persönliche Mensch und der Herdenmensch, in zwei kriegführenden Parteien potenziert, stehen sich zur Entscheidungsschlacht gegenüber. Vielleicht geht es nicht um den Sieg, sondern um die Synthese.«
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