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Marcel Proust - Lesebuch  (Shaker Verlag 2000)

Auszug aus dem Nachwort (S. 157-168):

 

 

I

Was ist die Zeit? Lediglich das Nacheinander der Dinge? Eine bloße Abfolge der Geschehnisse, wie wir sie innerlich als Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erleben und äußerlich als unaufhörlichen Prozeß des Entstehens und wieder Vergehens?

Im alltäglichen Sprachgebrauch sind wir es gewohnt, unser innerliches Zeiterlebnis mit jener Zei­tordnung zu vermengen, wie sie sich der Wissenschaft lange als quasi objektive Methode geschichtlicher Einteilungen oder physikalischer Meßformen dargeboten hat. Dabei stellen die subjektiv empfundene Zeit und die meßbare recht unterschiedliche Phänomene dar. Denn als innerliche Gegebenheit ist Zeit nicht eigentlich faßbar, ihr 'Jetzt' mar­kiert immer nur den Schnittpunkt von 'Vorher' und 'Nachher', und ihren Ablauf empfinden wir als unaufhaltsam, dabei jedoch als ungleichartig, also als manchmal schneller oder langsamer. Im Gegensatz dazu gestaltet sich der Fort­gang der objektivierten Zeit gleichartig, ihr Verlauf wirkt linear und unverrückbar regelmäßig, was uns Messungen einzelner Zeitpunkte jederzeit zu belegen scheinen.

Doch existiert jene objektive, dank vielfältiger Meßmethoden als real suggerierte Konstante namens Zeit tatsächlich? Stellt sie wirklich eine unverrückbare, jederzeit mittels techni­scher Apparate dimensionierbare, unveränderliche Größe dar, für deren Wahrnehmung in ihrem angeblich natürlichen Zustand es uns lediglich an den geeigneten Sinnesorganen fehlt, weshalb wir uns mechanischer oder elektronischer Hilfsmittel zu ihrer Bestimmung bedienen müssen?

Mitnichten, wie inzwischen die moderne Wissenschaft, vor allem auf den Arbeitsergebnissen Albert Einsteins fußend, erkannt hat, die die Zeit nun als höchst relativ, als eine Variable definiert, die von äußeren Einflüssen, von der jeweiligen Ausdehnung und Masse des Raums abhängig ist, in dem sie gemessen wird. Diese schon von Einstein angenommene Einheit von Raum und Zeit bedingt, daß der Ablauf der Zeit an unterschiedlichen Orten nicht jeweils gleich schnell verlaufen muß. Dies veranschaulichten zum Beispiel Versuche mit Atomuhren , die parallel in Höhe des Meeresspiegels sowie auf einem einige tausend Meter hohen Berg installiert wurden und - Einsteins Jahrzehnte zuvor aufge stellte Theorien bestätigend - in einer voneinander abweichenden Geschwindigkeit die Zeit maßen.

Erscheint dieses Beispiel manchem auf den ersten Blick vielleicht wenig spektakulär, so ist es doch geeignet, den Ansatzpunkt zu bieten, um festgefügte, von der Wissenschaft zuvor lange sorgsam tradierte Vorstellungen über einen absoluten Zeitbegriff auszuhebeln, - der seitens der Philosophie im übrigen seit jeher als obsolet erachtet worden ist. Denn schon in der Antike hatte Augustinus (354-430) das Phänomen der Zeit einer psychologischen Analyse unterzogen und dabei konstatiert, daß die Zeit, wie wir sie wahrnehmen, nur im Zusammenhang mit unserem Bewußtsein beschrieben werden könne, da sie mitnichten als selbständiges Phänomen unabhängig vom menschlichen Dasein existiere. Denn die einzige Zeit, die Augustinus als real  anerkennen mochte, war das Jetzt, die unmittelbare Gegenwart, während die Vergangenheit lediglich ein Produkt unserer erinnernden Einbildungskraft, die Zukunft hingegen nur eine Projektion unserer Erwartungen darstelle. Beide, Vergangenheit und Zukunft, seien deshalb unwirklich, während die Vorstellung zeitlicher Abläufe überhaupt lediglich aus der Beschränktheit des menschlichen Bewußtseins resultiere, das sich das (eigentlich immer) Seiende nur in einer Erscheinungsform des steten Nacheinanders vorzustellen vermöge. (...)

Diese Überlegungen des Augustinus wurden traditionsbildend in der abendländischen Philosophiegeschichte und hatten nicht zuletzt auf die erkenntnistheoretischen Überlegungen Immanuel Kants (1724-1804) Einfluß. Der erkannte die Zeit ebenso wie den Raum als ,,reine Anschauungsform(en)", als von der Einbildungskraft des Menschen konstruierte Phänomene, die gleichzeitig ein Ausdruck seiner begrenzten Erkenntnismöglichkeiten seien wie auch Hilfsmittel, um sich in einer Welt zu orientieren, deren reale Form lediglich Gott zu erfassen vermöge. Da die wahre Beschaffenheit der Welt dem von seinen unzureichenden Sinnesorganen geleiteten Menschen niemals offenbar werden könne, stelle die vom menschlichen Wesen als Wirklichkeit empfundene Welt in allen ihren räumlichen und zeitlichen Dimensionen lediglich ein von der Einbildungskraft zusammengefügtes Bild dar, ein Bild, das die Wirklichkeit als eine Wirklichkeit der Erscheinungen präsentiere.

Der Franzose Henri Bergson ( 1859-1941 ), der vielleicht einflußreichste Theoretiker der sogenannten Lebensphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, relativierte die von Kant vollzogene Zusammenführung von Raum und Zeit als gleichberechtigte Formen unserer Anschauung und bemühte sich um das Aufzeigen ihrer wesentlichen Unterschiede. Nach seinem Verständnis befindet sich die auf den Menschen einwirkende Zeit, im Gegensatz zum Raum, in einem steten Fluß der Veränderung, der unurnkehrbar sei und in seinen Eigenschaften grundlegend auch von denen der sogenannten 'Zeit' der Naturwissenschaft abweiche. Er interpretiert diese konstant, aber nicht zwingend gleichmäßig dahinfließende Zeit, im Gegensatz zur mechanisch meßbaren, als etwas sich organisch Entwickelndes, als etwas, das er als die 'eigentliche' Zeit bezeichnet, die von der Dauer (,,duree") einer Lebensspanne, von der schöpferischen Entfaltung einer individuellen Existenz umgrenzt und charakterisiert wird. Doch auch wenn dieses Phänomen das Sein des Menschen bestimme, sei dieser nicht in der Lage, es mit dem Verstand zu begreifen . Versuche er dennoch, es sich zu vergegenwärtigen, etwa erinnernd in Gestalt eines literarischen Textes, könne er die zu überblickende duree lediglich (der physikalischen Methode ähnlich) in 'meßbare' Einheiten zerlegen, was ihrem tatsächlichen Charakter jedoch nicht gerecht werde.

Dieses von Bergson wahrgenommene Spannungsverhältnis von Verstand und Zeit läßt sich am ehesten mit der Technik eines Filmes vergleichen , dessen Vorführung dem Betrachter eine scheinbar zusammenhängende Abfolge von Bewegungen darbietet, in Wahrheit jedoch aus einer Unzahl starrer Einzelbilder zusammengesetzt ist, deren rasche Aufeinanderfolge erst die Illusion fließender Bewegungen suggeriert. Eine Illusion also, eine Erscheinung in Kants Verständnis, der das Individuum, so Bergson, nur Kraft seiner Intuition einen höheren Wahrheitsgehalt abzuringen vermag.

 

II

Marcel Prousts Verständnis von Zeit und das hiervon beeinflußte Selbstverständnis als Literat wurden wesentlich von den philosophischen Arbeiten Bergsons geprägt. Auch für Proust manifestierte sich die Zeit primär als duree einer menschlichen Lebensspanne, als individueller Prozeß, für dessen dichterische Vergegenwärtigung ihm die Einnahme eines in höchste Subjektivität gesteigerten erzählerischen Standpunktes am adäquatesten erschien. In seinem literarischen Hauptwerk, der Recherche, läßt er an hervorgehobener Stelle die Zeit dem Ich-Erzähler gegenüber ihr bis dahin
verborgenes Wesen unvermutet enthüllen. Als Schauplatz dieser programmatisch zu verstehenden Szene dient ein Empfang im Hause der Herzogin von Guermantes, bei dem die unterschiedlichen gesellschaftlichen Protagonisten des Romans wie in einem Mikrokosmos der von ihnen repräsentierten Welt agieren. Vertreten in den Gestalten der vielen, nach langen Jahren vom Erzähler erstmals wiedergesehenen Bekannten und besonders in der des einstigen Freundes d' Agencourt offenbart ihm die Zeit ihr wahres Antlitz, wobei das gesellschaftliche Ereignis zu einer Art verkehrtem Maskenfest gerät, bei dem die Camouflage der Gäste nun die Realität enthüllt, statt sie wie sonst zu verbergen. (...)

Die Beschäftigung mit Literatur, das Existieren als primär lesendes und schreibendes Wesen war für Proust in erheblich größerem Ausmaß als für die meisten anderen Schriftsteller der Literaturgeschichte die typische, ihm von seinem kränkelnden Körper auferlegte bzw. ermöglichte Daseinsform. Sie war als Schicksal ebenso Bürde wie auch Chance, um sein vergängliches, viel zu kurzes Leben zum geistigen Zentrum eines epochalen Kunstwerkes zu erheben und damit zumindest einen Teil seiner selbst in eine Sphäre hinüber zu retten, in der das allgemeine Gesetz allen Lebens keine Wirkung mehr zeitigt. Die derart motivierte dichterische Tätigkeit, dieses spielerische Erschreiben eines Stückchens Unsterblichkeit, ist seinem Wesen nach unabhängig vom Ausmaß der beim Publikum erzielten Resonanz, auch wenn Proust durch seinen allmählich wachsenden literarischen Erfolg Befriedigung erfuhr.

Doch was bei seiner fortdauernden künstlerischen Arbeit eigentlich zählte, war nicht ein irgendwann doch wieder verblassender Ruhm (der als gleichsam organisches, weil an den Menschen gebundenes Phänomen ebenfalls dem allgemeinen Lebensgesetz unterworfen ist), sondern die Gewißheit von der bleibenden Existenz seines Stück für Stück sich abgerungenen Gesamtkunstwerkes, und sei es in Gestalt weniger, lange in Vergessenheit geratener Buchexemplare in einer beliebigen Bibliothek, - die irgendwann doch wieder ihren Leser finden mochten. Jemanden wie Marcel Proust etwa, den sein körperliches Leiden bereits zu einem Zeitpunkt, als das Leben seiner jungen Altersgenossen im Grunde erst begonnen hatte sich tatkräftig zu entfalten, von der ihn umgebenden Welt der Freunde, des beruflichen Strebens und des Amüsements entfremdete und zur Literatur hinführte.

 

III

Geboren wurde er am 10. Juli 1871 in Paris, wo er auch am 18. November 1922 starb. Zwischen diesen beiden Daten erstrecken sich nur 51 Jahre, ein für ein Menschenleben nicht allzu langer Zeitraum, den Proust vor allem mit der Niederschrift seines siebenteiligen Romanzyklusses A la recherche du temps perdu und damit für das Erschaffen eines Meilensteines in der europäischen Literaturgeschichte nutzte. Die hierzu notwendigen Lehrjahre verbrachte er, der Sproß eines gesellschaftlich hoch angesehenen und vermögenden Arztes, vornehmlich in den vornehmen Pariser Salons. Zuvor hatte er nach Abschluß seiner Schulausbildung ein Studium der Rechts- und Literaturwissenschaften absolviert, bei dem er von J. Ruskin wichtige Impulse für seine schriftstellerische Entwicklung erhielt. Seinem Studium schloß sich eine kurze Referendartätigkeit in der Kanzlei eines Anwaltes an sowie eine ebenfalls nur kurzfristige Anstellung in der Bibliotheque Mazarine in Paris. 1896 erfolgten mit dem Lyrikband Portraits de peintres und der Prosa Les plaisirs et les jours Prousts erste umfangreichere Buchpublikationen, die von einer regen Tätigkeit als Literaturkritiker und Übersetzer flankiert wurden. Doch bis zum Erscheinen seiner Ruskin-Übertragungen (La Bible d'Amiens, 1904, und Sesame et les lys, 1906) wies in seinem bis dahin verfertigten CEuvre nichts darauf hin, daß er schon bald ein Werk vom Umfang und dem künstlerischen Gewicht der ab ca. 1905 entwickelten Recherche verfassen sollte.

Dies konnte ihm erst nach seinem völligen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben in die freiwillig gewählte Einsamkeit gelingen, dessen äußere Anlässe der Tod seiner Mutter im Jahre 1905 waren sowie seine seit jeher angegriiffene Gesundheit, deren Verschlechterung - vielleicht auch psychosomatisch bedingt - mit dem Verlust seiner wichtigsten Bezugsperson zeitlich zusammenfiel.

Im Jahre 1908 bezog Proust, schon seit jungen Jahren an Asthma leidend, ein Appartement am Pariser Boulevard Haussmann, wo für ihn die Arbeit an der Recherche in einem mit Kork ausgeschlagenen und damit vollständig schallisolierten, mit aromatischen Düften erfüllten Zimmer fortan seinen einzigen Lebensinhalt darstellte. Bis zum Jahr 1922 entstand so ein siebenteiliger Romanzyklus, der in fünfzehn Einzelbänden von 1913 bis 1927 publiziert wurde; etwa die Hälfte von ihnen posthum.

 

IV

Als Proust im März 1922 - knapp acht Monate vor seinem Tod am 18 . November - endlich das Wort ,fin' unter den siebten und letzten Teil (Le temps retrouve') setzen konnte, interpretierte er dies als die Erfüllung seines Lebens. In einem beispiellosen Kraftakt hatte er ein Kunstwerk vollendet, dessen Inhalte und formale Anlage die Fesseln der traditionellen Ansichten über das Zeitliche sprengten - und dadurch ihm selbst, dem als Ich -Erzähler abstrahierten und künstlerisch verfremdeten bzw. fortentwickelten Autor das Überdauern in einer überzeitlichen Existenzform gestattete.
In der Recherche erzählt Proust keine Geschichte im gewohnten Sinne, er stellt Aspekte seines eigenen Lebens dar und zeichnet darüber hinaus ein Bild seiner von Aristokratie und hochbürgerlicher Gesellschaft dominierten Epoche der Jahrhundertwende. Doch im Gegensatz zur üblichen Memoirenliteratur begnügte er sich nicht mit dem Entwurf eines chronologischen Rückblickes, vielmehr gelang ihm ein die moderne Literatur revolutionierender Kunstgriff, der in einer völlig neuartigen Erfassung der Wirklichkeit bestand. Denn statt in sachlichen oder zeitlichen Zusammenhängen über historische Begebenheiten zu berichten, rückte er die Perspektive des sich erinnernden Individuums in den Mittelpunkt, das sich - getreu des von Henri Bergson formulierten Gedankens der gelebten Zeit - assoziativ in einem psychologisch höchst komplexen Akt des Vergangenen vergegenwärtigt und es gleichzeitig kraft seiner Vorstellungsgabe zu neuem Leben erweckt. Ausgehend von zufällig erinnerten Bruchstücken einstiger Erlebnisse und Beobachtungen erkundet der Ich -Erzähler seine Wirklichkeit, vielfältigen Spuren folgend und losgelöst vom Zwang eines linearen Zeitablaufes. So streift er in seiner ,inneren' Zeit umher (von Bergson als „duree reelle" bezeichnet) und protokolliert dabei - methodisch mit dem Zusammensetzen eines Puzzles vergleichbar - Stück für Stück die Geschichte seines Lebens. (...)

An diesem Punkt beginnt sich ein vielgestaltiger Kreis zu schließen; im Roman, im Leben des Autors und seines Protagonisten Marcel. Denn die von diesem zu schildernde Lebenszeit ist gleichbedeutend mit dem Fortgang der schriftstellerischen Arbeit Prousts, so daß Marcels Lebenspuzzle im Grunde nur eine Analogie für die Entwicklung der Recherche bildet, - eines Romans , dessen eigentlicher Inhalt die Darstellung seines eigenen Entstehungsprozesses ist; eines Romans, dessen Protagonist sich, durch den Verlauf der Handlung bedingt, schließlich für das Abfassen eines literarischen Textes entscheidet, - der durch die Recherche zu diesem Zeitpunkt längst realisiert worden ist.

 

V

Bei der in ihrer Abfolge von der Spontaneität der Erinnerung bestimmten Schilderung der jeweiligen Geschehnisse und Personen bilden sich in der Recherche zwei zueinander kontrapunktisch verhaltene Ebenen heran: die des gegenwärtigen Erinnerungsprozesses und jene der erinnerten Vorgänge. Auf beiden werden einzelne Details in gleichermaßen präziser Genauigkeit beobachtet bzw . geschildert, - getreu Prousts Erkenntnis, daß erst die geistige Renexion die höchste Schärfe des Auges bewirke. Entsprechend komplex gestaltet sich die Sprache, die weit ausgreifend in oft schier unendlicher Differenzierung die Fülle erlebter Ereignisse in schillernden Facetten vor dem Leser ausbreitet und in aller Subjektivität gleichsam wiederbelebt. 

Obgleich Prousts Ich-Erzähler den gleichen Vornamen wie er selbst trägt, reicht die Recherche weit über die Grenzen einer herkömmlichen Autobiographie hinaus, steht das im Roman erinnerte Leben des kränklichen Marcel als Sinnbild für eine typische Künstlerexistenz des Fin de Siecle, die die Verfallserscheinungen ihrer Epoche, die innere Auszehrung von Gesellschaft und Kultur, in geradezu beispielhafter Weise repräsentiert. Proust zeichnet so in aller Schärfe das Bild einer überalterten Welt, deren traditionelle Eliten - Aristokratie und Großbürgertum - er vor allem vom Herzog Basilc de Guermantes und dem erheblich fein- und schöngeistiger veranlagten Swann verkörpern läßt. Deren natürliche Konkurrenz zueinander wird, bei strikter Beachtung klarer gesellschaftlicher Spielregeln, in den eleganten Salons ausgetragen, in denen beide Gruppen zu Beginn der Handlung noch voneinander getrennt agieren, bis sich schließlich - nach sehr differenziert beschriebenen Phasen allmählicher Annäherung - eine durch den Fortgang der Zeit erst ermöglichte Vermischung beider sozialen Klassen abzeichnet.

Die Vorarbeit zu seinem Magnus opus leistete Proust mit seiner Prosadichtung Jean Santeuil, die - zwischen 1896 und 1904 verfaßt - erst in seinem Nachlaß entdeckt und posthum in drei Bänden publiziert wurde. In ihr breitete der Dichter bereits nahezu alle thematischen Schwerpunkte aus, die später in seiner Recherche aufgegriffen und meisterhaft vertieft werden sollten. Der Autor maß seinem Frühwerk zeitlebens keine besondere Bedeutung zu , er verschwieg dessen Existen z sogar und behandelte das Manuskript derart sorglos, daß es teilweise zerrissen, teilweise lediglich als ungeordnete Sammlung einzelner Blätter überliefert wurde. Inhaltlich ist der Roman durch zahlreiche Brüche charakterisiert, die das Werk in eine lose Anordnung voneinander beinahe autonomer Textcorpora zu fragmentieren drohen, wobei das völlige Auseinanderbrechen lediglich von einer eher grob konstruierten Rahmenhandlung mehr schlecht als recht verhindert wird. So verhält sich Jean Santeuil zur Recherche wie eine bloße Vorstudie, ein Entwurf, dem es ungeachtet aller thematischen Parallelen - zudem an jener wesentlichen, erst durch die Recherche realisierten zentraen Intentuion noch mangelt, nämlich der künstlerischen Verarbeitung der philosophischen Theoreme Henri Bergsons, - der Darstellungn einer neuen, in höchte Subjektivität gesteigerten Wirklichkeitserfahrung. Und so fehlt im Santeuil denn auch die in der Recherche als das so alles entscheidende Strukturelement vollzogene Einheit von Erzähler und Protagonist, eben jene später so meisterhaft inszenierte unauflösliche Verbindung von Erinnertem und erinnerndem Ich, durch die dem Leser keine lineare Erzählung, sondern ein verschachteltes Nebeneinander unterschiedlicher Handlungs- und Zeitebenen dargeboten wird.

Nicht zuletzt wegen dieser Komplexität und ihrer durchkomponierten, überaus psychologisierten sprachlichen Form wurde die Recherche zur Initialzündung des modernen französischen Romans, des sogenannten Nouveau roman, der noch in den 50er Jahren etwa in Nathalie Sarraute eine dem Vorbild Prousts würdige Protagonistin gefunden hat. Von den zeitgenössischen Autoren dieses Dichters, die eine ähnlich strenge subjektivistische Weltauffassung in das Zentrum ihrer literarischen Arbeit gestellt haben, können allenfalls James Joyce und Robert Musil als ihm gleichrangig benannt werden, deren Meisterwerke Ulysses (1922) und Der Mann ohne Eigenschaften (1930- 1943) in Intention und Qualität an den in vielerlei Hinsicht monumentalen Charakter der Recherche heranreichen .

  

 

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