Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

J.M.R. Lenz unter dem Einfluß des frühkritischen Kant  (Walter de Gruyter 2003)

Auszüge aus der Einführung (S. 1-32):

 


I

Im August 1770 verfaßt der 19-jährige Student Jakob Michael Reinhold Lenz in Königsberg eine Ode auf seinen Dozenten Immanuel Kant, die weit mehr als eine rhetorisch ausgefeilte Geste der Ehrerbietung darstellt. Denn in seinen Versen legt der junge Dichter ein glühendes Bekenntnis zur Person Kants und den von ihr vermittelten Erkenntnissen ab – und gibt so Auskunft darüber, wie nachhaltig sie zur ‘Richtschnur’ für sein Denken und Handeln geworden sind. Seinen Enthusiasmus begründet Lenz in erster Linie nicht etwa mit speziellen philosophischen Lehrinhalten. Statt ihrer hebt er vor allem die auch von vielen anderen Zeitgenossen belegte Besonderheit Kants hervor, sich in Leben und Lehre gleichermaßen nur der Wahrhaftigkeit verpflichtet zu fühlen, also Denken und Handeln in eins zu setzen; nicht zuletzt auch deswegen, um unter Verzicht auf jeglichen Dogmatismus gerade durch das eigene Beispiel für die Richtigkeit seiner Lehre zu werben. Auf diese Weise – so Lenz – habe Kant es nicht nur verstanden, durch seine Erkenntnisse „vielen Augen [...] Licht“ zu geben, sondern er habe darüber hinaus seine Schüler nachdrücklich zum rechten Gebrauch ihrer Verstandeskräfte (zur „Einfalt im Denken“) sowie zu einer ungekünstelten und wahrhaftigen Lebensführung (zu „Natur im Leben“) angeleitet. Dies vor allem habe sie zur geistigen Freiheit befähigt, sie also in die Lage versetzt, ihren „Durst nach Weisheit“ kraft eigenen intellektuellen Vermögens zu ‘stillen’ (vgl. DHP, 84).
Lenz betont, dieses ‘Stillen’ sei jedoch nicht etwa als ‘Löschen’ des ‘Durstes’ mißzuverstehen, denn dies käme einem Auslöschen des Verlangens nach Erkenntnis gleich. Aber genau in diesem Verlangen, in dem bei ihm von Kant geweckten und wach gehaltenen unaufhörlichen Verlangen nach weiterer Erkenntnis, in der einmal entfachten, stetig brennenden philosophischen Neugierde erkennt der junge Lenz nicht nur einen wesentlichen Lehrerfolg seines Dozenten, sondern das eigentliche Qualitätsmerkmal eines sinnerfüllten und darum glücklichen Lebens. So habe Kant das Dasein seiner Schüler mit „reiner Lust [...] angefüllet, / Weil sie [jene Lust] den Durst nach Weisheit, den er [Kant] stillet, / Doch nimmer löschet“, auf daß jeder einzelne der von seinem Lehrer derart geistig Erweckten fortan in einem Zustand „glücklicher als Fürsten“ zeitlebens nach weiterer Erkenntnis „dürsten“ – nicht müsse, sondern – dürfe (DHP, 84).
Mit diesem Urteil verdeutlicht Lenz seine produktive Rezeption von Kants Verständnis der Philosophie als einer Methodenlehre für stete Erkenntniserweiterung. Denn anstelle eines vorgeblich fertigen Systems, dessen Hervorbringen sein Dozent für undenkbar gehalten hat, erkennt auch er einen individuellen und freien Prozeß des Philosophierens als Ausgangspunkt und Bedingung jeglicher philosophischer Erkenntnisaneignung, – ein Prozeß, der lediglich von den natürlich vorgegebenen Regeln des Vernunftgebrauchs, von jenem als ‘Einfalt des Denkens’ apostrophierten geistigen Zustand geleitet werde. Diese Anschauung basiert auf der obersten Forderung der Aufklärung, der einzelne Mensch möge sich seines eigenen Verstandes frei von der Dominanz eines anderen bedienen. Doch hat Kant seinen Schüler weit über dieses Postulat von der theoretischen Selbständigkeit des einzelnen hinausgeführt, indem er es durch die Forderung der Einheit von Denken und Handeln in die praktische Selbständigkeit überführt und mit den Prinzipien seiner um zirka 1768 entwickelten und bereits 1770 in großen Zügen fertiggestellten kritizistischen Erkenntnistheorie fundiert hat.
Damit schuf der Königsberger die philosophischen Grundlagen, um dem Individuum die Perspektive wirklicher Selbstbestimmung zu eröffnen, es instand zu setzen, der ‘selbstverschuldeten Unmündigkeit’ zu entfliehen. Dies setzte als Grundbedingung zunächst eine Lenz offensichtlich elektrisierende Betonung des Freiheitsbegriffs voraus, den Kant in seinem handschriftlichen Nachlaß auch als das „Vermögen“ des Menschen bezeichnet, sich – statt durch weltliche oder geistliche Gängelung – „durch die intellektuelle Willkür allein zu bestimmen“, um der Umklammerung durch seine „dreyfache Unmündigkeit“ zu entrinnen. Doch warnte Kant davor, dieses Vermögen der Freiheit als Einladung zu rein willkürlichen Handlungen mißzuverstehen, auch lade es nicht zu einer egozentrischen Weltaneignung ein. Vielmehr müsse der einzelne sich durch den freien Gebrauch des Vernunftvermögens die notwendige Anleitung zum praktischen Handeln selbst erschließen, wobei das auf diese Weise erkannte Regelwerk – nach seinem Dafürhalten – von den seit jeher vom Menschen unabhängig existierenden Moralgesetzen bereitgehalten werde, deren für alle Individuen gleichermaßen kategorische Gültigkeit vom einzelnen aus freien Stücken zu erkennen und anzuerkennen sei. „Tugend“ müsse also „bei der Weisheit wohne[n]“ (DHP, 83), wie Lenz in seinem Gedicht apodiktisch formuliert und seinen Dozenten dabei als Verkörperung dieses Ideals feiert.
In diesem Sinne beschwört Lenz denn auch den wegbereitenden Charakter seines Dozenten, den er als leibhaftige ‘Richtschnur’ für ein Dasein als freiheitliches und moralisch handelndes Individuum erkennt und entsprechend würdigt. So habe Kant sich auch stets unbeeindruckt von den die Ständegesellschaft seiner Epoche dominierenden (Lenz bedrückenden) Institutionen und ihren Dogmen gezeigt, von „des Hofes Ware“ und der des „Priester¬mantel[s]“. Denn anstatt deren Herrschaftsanspruch blind anzuerkennen, habe Kant sich in seinem Anspruch nach unbedingter Wahrhaftigkeit nur den durch Vernunft erschlossenen und auf eine höhere Ethik ausgerichteten Erkenntnissen verpflichtet gefühlt, die er auch jederzeit „üb[e] und ehr[e]“ (DHP, 83). Diese im besten Sinne lutherische Standhaftigkeit mache ihn zu einem bleibenden Vorbild, dem es nachzueifern gelte, weshalb Lenz gegen Ende seines Gedichtes im Namen von Kants Schülern denn auch beteuert, er wolle den Philosophen fortan nicht nur durch eigene „Weisheit [...] erheben“, sondern auch andere in diesem Sinne erziehen und unterweisen, um sie in gleicher Weise aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Fortan wolle er wie Kant „lehrte [...] leben / Und andre lehren“, auf daß „unsre Kinder sollen / Auch also wollen“ (DHP, 84). (...) 

 

IV 

Es ist charakteristisch für die bisherige Forschung, daß über das weitgehende Ignorieren des Themenkomplexes Kant hinaus den bislang unter dem Pauschalbegriff ‘theoretische Schriften’ zusammengefaßten und dadurch fehleingeschätzten Vorträgen, Predigten und Aufsätzen[1] des Dichters nur ein vergleichsweise geringes Interesse entgegengebracht worden ist, was zu einem guten Teil die zahlreichen unbefriedigenden, mit Lenz verbundenen Urteile und Mystifikationen erklären mag. Während umfangreiche Monographien etwa zu seiner Person, den Dramen und selbst zum lyrischen Werk in erheblicher Zahl vorliegen, haben seine theoretischen Überlegungen sich nicht zu einem mit gleicher Intensität untersuchten Forschungsgegenstand entwickelt. So existieren über sie – statt größerer Arbeiten – in der Hauptsache nur Einzelaspekte behandelnde Aufsätze[2] bzw. wurden sie vornehmlich als begleitende Quellen etwa zur Analyse der Dichtungen genutzt. Diese problematische Praxis, die von Lenz diskutierten Fragestellungen weitgehend isoliert voneinander zu betrachten und einzelne seiner Vorträge und Aufsätze als ergänzendes Material für Werkanalysen zu nutzen, ohne daß eine umfassendere, kritische Darstellung ihrer philosophischen Bezüge, ihrer Genese sowie nicht zuletzt der von Lenz benutzten Begrifflichkeiten zugrunde gelegen hätte, generiert Fehldeutungen und verhindert, Lenzens theoretische Überlegungen als eigenständigen und als sicherlich den zentralen Bestandteil des ganzen Œuvres zu würdigen und entsprechend zu gewichten. Schlußendlich hat diese Praxis das Erkennen der geistigen Grundlagen Lenzens und damit die Erkenntnis der philosophischen Fundamente seines dichterischen Werks derart erschwert, als habe man – metaphorisch gesprochen – bei der Erkundung eines fremden Innenraumes auf die Zuhilfenahme der vorhandenen Lichtquellen verzichtet und sich mit dem Vorwärtstasten im Halbdunkel beschieden. (...)

 

V

 Die vorherigen Ausführungen haben die Notwendigkeit verdeutlicht, das Forschungsinteresse gezielt auf Lenzens philosophische Überlegungen zu richten, um den von Immanuel Kant ausgeübten Einfluß nachzuweisen und qualitativ wie quantitativ zu bestimmen. Bei einer solchen Analyse muß berücksichtigt werden, daß Lenzens in der Forschung als unsystematisch bemängeltes freies Philosophieren und sein konsequentes Mißachten tradierter philosophischer Systeme nicht etwa von einem intellektuellen Ungenügen herrührt, sondern vielmehr der von Kant gelehrten philosophischen Praxis (einer „eigenthüm­liche[n] Methode des Unterrichts in der Weltweisheit“) entspricht, die der Dozent in der Tradition der Antike als „zetetisch [...], d.i. forschend“ bezeichnet hat.[10] Denn die Philosophie – so Kant in seiner Vorlesung über Philosophische Enzyklopädie – könne schließlich nicht wie etwa die Mathematik gelehrt werden, weil es dafür erst eines allgemeingültigen Systems bedürfe, eines „Urbild[es], das ohne Fehler und folglich zur Nachahmung“ geeignet sei.[11] Weil er das Erschaffen bzw. Entdecken eines derartigen philosophischen Urbildes durch den Menschen aber für undenkbar halte, vermöge ein Mensch auch keine philosophische „Erkenntniß selbst, sondern [allenfalls] die Methode“ (PE, 6) zu vermitteln, auf welche Weise jeder einzelne durch den richtigen Gebrauch der ihm natürlich gegebenen Verstandeskräfte zu philosophischer Erkenntnis gelangen könne. Kant betont in diesem Zusammenhang, man dürfe das Philosophieren keineswegs mit ‘jemandes Gedanken nachzuahmen’ (vgl. PE, 7)[12] verwechseln, denn das Individuum müsse vor allem lernen, selbst zu denken „und zwar a priori“ (PE, 7). Deshalb bestehe seine – Kants – vornehmste Aufgabe als Dozent der Philosophie darin, seine Schüler in den „Regeln des richtigen Gebrauchs vom Verstand und der Vernunft“ zu unterweisen (PE, 7), ihnen ein „Führer der Vernunft“ und kein dogmatischer Lehrmeister zu sein, eine geistige „Richtschnur“ also, (PE, 8) durch die sie befähigt würden, sich selber in den fortdauernden Prozeß des Philosophierens hineinzubegeben, eigene philosophische Thesen zu formulieren, sie kritisch zu wägen und schließlich zu verifizieren oder zu verwerfen. Nur so sei philosophische Praxis möglich, nur so ließen sich neue Erkenntnisse gewinnen bzw. alte auf ihre aktuelle Relevanz stets neu überprüfen. Sei ein Individuum erst einmal in dieser „Methode[,] selbst nachzudenken“ erfolgreich unterrichtet worden, habe es also den Gebrauch der – kritischen – Vernunft eingeübt, sei es befähigt, „die fruchtbare Wurzel [der Erkenntnis] in sich zu pflanzen“, (N, 307) eine Wurzel, deren Frucht den einzelnen letztlich – als eigentlichen Zweck jeglicher philosophischen Betätigung – seiner Bestimmung, dem moralischen Handeln, zuführe (vgl. PE, 8).[13]

Dieses Selbstverständnis Kants, als Lehrer – nicht der Philosophie, sondern des Philosophierens – explizit keine eigene philosophische Schule, kein starres System tradieren zu wollen, sondern vor allem Fertigkeiten, die dem einzelnen das Sich-Befreien aus der eigenen Unmündigkeit gestatten, stellt einen wesentlichen Schlüssel zum Verstehen und Einordnen der philosophischen Überlegungen Lenzens dar. So verstünde man den speziellen Einfluß des Dozenten auf ihn falsch, betriebe man eine strenge Analyse des Lenzschen Œuvres nach Kant und interpretierte jede inhaltliche Abweichung sogleich als Symptom elementarer philosophischer Gegensätze. Denn Lenz hat im besten Sinne Kants Gedanken niemals nachgeahmt, er hat sie und die ihnen zugrunde liegende Methode statt dessen wörtlich genommen, um zu eigenständigen – und mitunter auch kontroversen – Erkenntnissen zu gelangen. Deshalb erweist er sich selbst dann noch als wahrer Kantianer, wenn er nicht davor zurückschreckt, die ihm von seinem Dozenten eröffnete geistige Freiheit dafür zu nutzen, sich von der ihm dargebotenen ‘Richtschnur’ zuweilen auch etwas weiter zu entfernen.

Die nachfolgende Untersuchung geht von der Prämisse aus, daß Lenzens Studium in Königsberg (und nicht etwa während seines anschließenden Aufenthaltes in Straßburg erfahrene Einflüsse) neben seiner pietistischen Erziehung als die zweite der beiden ihn intellektuell maßgeblich prägenden Komponenten anerkannt werden muß. Das Ausmaß ihrer Bedeutung wird vielleicht erst dann faßbar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Lenz an der Bruchstelle einander ablösender Epochen unmittelbarer Zeuge und Betroffener einer Revolution in der europäischen Geistesgeschichte gewesen ist, die erst Jahre später, nach Veröffentlichung von Kants Kritiken, ihre Breitenwirkung entfaltet und damit einen bereits zu Lenzens Studienzeit begonnenen Prozeß dynamisiert hat, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Zweifelsfrei hat Kant dem vor seinem Studium von der intellektuellen Enge des Franckeschen Pietismus (und dessen Opposition zum von Kant überwundenen Leibniz-Wolffschen Weltverständnis) dominierten jungen Dichter das Erweitern bzw. überhaupt erst das Öffnen seines geistigen Horizontes ermöglicht. Doch vertritt der Verfasser die Überzeugung, daß dieser intellektuelle Emanzipationsprozeß vornehmlich nicht als Überwindung bzw. Zurückweisung der in Lenz einst angelegten pietistischen Grundüberzeugungen verstanden werden darf, sondern in wesentlichen Punkten als deren produktive Weiterentwicklung. Dieser Schluß wird – außer als Ergebnis einer detaillierten Analyse – bereits durch einige grundsätzliche Parallelen der Kantschen Philosophie zum Pietismus nahegelegt, die für Lenzens geradezu begeisterte Kant-Rezeption eine vermutlich ebenso entscheidende Rolle gespielt haben dürften wie die Tatsache, daß auch sein Dozent in Elternhaus und Schule einst pietistisch erzogen worden ist.[14]

Nicht zufällig steht deshalb im Zentrum von Kants Gedankengebäude ebenso wie im Zentrum der pietistischen Glaubenspraxis die Erkenntnis, der Glaube an ein vom menschlichen Begriffsvermögen nicht zu Erfassendes besitze an sich noch keinen sittlichen Wert, – daß vom eigenen Tun, vom moralphilosophisch begründeten Handeln hingegen alles abhänge. Das hierfür notwendige Regelwerk gelte es vom Menschen zu erkennen, – mittels der von Kant benannten erkenntnistheoretischen Prinzipien oder durch den (von Kant – wie noch gezeigt wird – in keiner Weise zurückgewiesenen) religiösen Glauben. Und diese Gewißheit um die zentrale Bedeutung einer vom Menschen unabhängig existierenden Moral wird ebenso bei Immanuel Kant wie auch beim Pietismus in besonderer Weise von erziehungstheoretischen Überlegungen flankiert, die jeweils zu nichts Geringerem anleiten sollen, als den Menschen der ihm zugedachten transzendenten Bestimmung zuzuführen, indem er zum Verwirklichen des sittlichen Ideals befähigt werde. So hat Lenz bei Kant wichtige Gemeinsamkeiten – gleichsam säkularisiert – vorgefunden, die sich als förderlich für die weitere Rezeption der Transzendentalphilosophie erwiesen haben und es ihm ermöglichten, sich aus der von seinem Dozenten bekämpften geistigen Unmündigkeit zu befreien, ohne deswegen grundlegende Glaubensvorstellungen und Betätigungsfelder des von ihm im wesentlichen positiv beurteilten Pietismus aufgeben zu müssen.[15] (...)

 


[1]    Ihre Bezeichnung unter dem Sammelbegriff Theoretische Schriften geht auf die von Franz Blei 1909-1913 herausgegebene Lenz-Ausgabe zurück. Darin werden sie zudem in die Kategorien Moralisch-theoretische Schriften“, „Ästhetische Schriften“ und „Gesell­schaftspolitische Schriften“ differenziert. Dieses bis heute nachwirkende Verfahren läßt aber außer daß es grundsätzliche Mißverständnisse generiert, weil es bei der Mehrzahl der betroffenen Arbeiten deren eigentliche Zugehörigkeit zur rhetorischen Gattung der Missionspredigt ignoriert  – nicht nur die Chronologie ihrer jeweiligen Entstehungszeit außer acht, sondern impliziert auch eine in dieser holzschnittartigen Charakterisierung nicht zutreffende inhaltliche Ausrichtung. Vgl. hierzu ausführlicher Zweiter Teil, Erstes Kapitel, Anmerkung 3 sowie Zweiter Teil, Drittes Kapitel „Der Prediger“.

[2]    Vgl. hierzu bei Schulz unter 10., „Theoretische Schriften“, die entsprechende bibliographische Darstellung, S. 338-340.

[3]    Stefan Pautler: Jakob Michael Reinhold Lenz. Pietistische Weltdeutung und bürgerliche Sozialreform im Sturm und Drang. Religiöse Kulturen der Moderne (hrsg. von Friedrich Wilhelm Graf und Gangolf Hübinger), Bd. 8, Gütersloh 1999.

[4]    Vgl. hierzu Zinzendorfs Hauptschriften, hrsg. als Faksimile-Druck von Ernst Beyreuther u.a., 6 Bde., Hildesheim 1962/63. Über die von Zinzendorf verfolgten Intentionen und seine Missionstätigkeit vgl. insbesondere Ernst Beyreuther: Studien zur Theologie Zinzendorfs. Neukirchen 1962.

[5]    Zu Beginn seiner Darstellung der sogenannten ‘theoretischen Schriften’ formuliert Schulz, man könne von „der späteren ‘kritischen’ Philosophie Kants her [...] bei der Überschrift ‘Moralisch-theologische Schriften’ eine Vermengung verschiedenartiger Fragen argwöhnen. Es entspricht aber einer verbreiteten ‘popularphilosophischen’ Einstellung, moralische Fragen auf der Grundlage des Glaubens zu behandeln (vgl. Pautler, B 5: 1999, 102-115).“ (Schulz, 235). Durch dieses Urteil wird aber nicht nur Kants Hinwendung zum Kritizismus beiläufig aus ihrem historischen Umfeld heraus in eine Lenz nicht mehr unmittelbar betreffende ‘spätere’ Zeit transponiert, intendiert wird darüber hinaus, der Sammelbegriff ‘moralisch-theologische Schriften’ sei von ihrem Verfasser selbst gewählt und nicht – wie tatsächlich geschehen – von dem Lenz-Editor Franz Blei zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt worden (vgl. Anm. 46).

[6]    Lenz: Für Wagnern. Theorie der Dramata. Künftig abgekürzt „FW“. In: WB, Bd. 2, S. 673.

[7]    Kant: Vorlesung über Metaphysik, Mitschrift Pölitz. In: Kants Werke (Akademie-Ausgabe), Bd. XXVIII, Kant’s Vorlesungen,Bd. V, Vorlesungen über Metaphysik und Rationaltheologie, 1. Hälfte, Berlin 1968, S.193-350. Künftig abgekürzt „M“. Zur Entstehung der Mitschrift und ihrer Auswahl für diese Abhandlung vgl. Erster Teil, Zweites Kapitel, V „Die Vorlesungsmitschriften“.

[8]    Dabei ist es gleichgültig, ob es sich bei dem Objekt einer derartigen Betrachtung um ein durch den Gartenbau domestiziertes Stück Natur oder um ein rein artifiziellen bzw. mehr naturgemäßeren Regeln nachgebildetes Drama handelt, weil für alle Gegenstände die gleichen philosophischen Maßstäbe gelten. Ergänzt sei an dieser Stelle, daß Lenzens Vergleich eines Dramas mit den beiden im 18. Jahrhundert miteinander konkurrierenden Techniken des Gartenbaus sich in der Theaterwissenschaft bis heute als überaus praktikabel zur Beschreibung unterschiedlicher Dramentheorien erhalten hat. So etwa bei Georg Hensel, der am klassischen Aufbau eines Barockgartens die Charakteristika der damaligen französischen Bühnenkunst veranschaulicht. Vgl. Georg Hensel: Spielplan. Der Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart, 2 Bde., nchen 1992, Bd. 1, S. 229f.

[9]    Dieser Einschätzung wird im weiteren Verlauf eine anderslautende Interpretation entgegengestellt; vgl. hierzu Zweiter Teil, Zweites Kapitel, II.1 „Das Schöne: Reiz der Be­gierde.

[10]  Kant: Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbjahre von 1765-1766. In: Kants Werke (Akademie-Ausgabe), Bd. II, Vorkritische Schriften II. 1757-1777, unveränderter photomechanischer Abdruck der Originalausgabe, Berlin 1968, (S.303-314), S. 307. Künftig abgekürzt „N.

[11]  Kant: Vorlesungs-Mitschrift Philosophische Enzyklopädie, hrsg. in Bd. XXIX der Akademie-Ausgabe, Kant’s Vorlesungen, Bd. VI, Kleinere Vorlesungen und Ergänzungen I, 1. Hälfte, 1. Teil, Berlin 1980, S. 3-45. Künftig abgekürzt „PE“.

[12]  Bereits 1765 stellte Kant hierüber in seiner Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen im nachfolgenden Winterhalbjahr fest: „Um also auch Philosophie zu lernen, müßte allererst eine wirklich vorhanden sein. Man müßte ein Buch vorzeigen und sagen können: sehet, hier ist Weisheit und zuverlässige Einsicht“ (N, 307).

[13]  Daß Lenzens zeitlebens währender Versuch, in diesem Sinne philosophische Erkenntnis und dadurch Anleitung zur moralischen Ausrichtung seines Lebens zu gewinnen, stets auch ein erbittertes Ringen mit diesem Bestreben entgegenwirkenden inneren Kräften bedeutet hat, verdeutlicht er unter anderem in der dreizehnten „Selbstunterhaltung“ seiner 1775 verfaßten, autobiographisch intendierten Prosa Moralische Bekehrung eines Poeten. Darin läßt er sein literarisches Alter Ego gestehen, es „fühle“, es habe Anlagen in“ sich, „der allerschlechteste Mensch auf dem Erdboden zu werden“. Doch wolle es diesen von Kant als dem Menschen natürlich eingeborener Hang zum Bösen bezeichneten Trieb mit aller Verstandeskraft bekämpfen und an diesem Konflikt eher zugrunde gehen, als vor dieser Anlage zu kapitulieren (O daß mein Geist mich nie verließe und eh die elende Seichtigkeit und Selbstgefälligkeit über mich käme, mich lieber dafür durch streitende Leidenschaften zu Tode quälte.). Lenz: Moralische Bekehrung eines Poeten. In: WB, Bd. 2, (S. 330-353), S. 352. Künftig abgekürzt „MB“.

[14]  Kants Biograph Karl Vorländer beschreibt ausführlich das pietistisch geprägte Elternhaus des Philosophen sowie dessen Schulzeit am Königsberger Fridericianum, das von einem ausgeprägt pietistischen Charakter ‘beseelt’ gewesen sei. Vgl. Vorländer, S. 18f u. 32f.

[15]  Die Einschätzung einer positiven Haltung des Dichters gegenüber dem Pietismus wird von wenigen, im späteren Verlauf noch zu benennenden Ausnahmen abgesehen von der literarhistorischen Forschung überwiegend nicht geteilt. Statt dessen wird ein tiefgehender Vater-Sohn-Konflikt vermutet, der Lenzens künstlerische Entwicklung im Sinne eines gegen die Vätergeneration aufbegehrenden Autors befördert haben soll und gleichermaßen als Anlaß wie auch als signifikantestes Symptom für seine angebliche Abwendung vom Pietismus zu werten sei. Dieses an die gängige Einschätzung der unter dem Sammelbegriff Expressionismus gefaßten jungen Künstlergeneration des beginnenden 20. Jahrhunderts allzu nah angelehnte Paradigma scheint aber kaum haltbar zu sein. Denn sowohl die Existenz jenes angeblich Lenzens Werk eine bestimmte Richtung vorgebenden Konfliktes als auch die ihm unterstellte Opposition zum Pietismus können nach unvoreingenommener Neubeurteilung der vorhandenen Quellen ausgeschlossen werden. Vgl. hierzu insbesondere Erster Teil, Erstes Kapitel, I „Der Vater Revision eines Stereotyps“.

[16]  Lenz an Simon, Weimar, April 1776. – In: WB, Bd. 3, (S. 433-435) S. 434.

[17]  Ebd.

[18]  Ebd.

 

 

 

 

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?